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Aus dem Kurhotel wurde mit „Zwischenstationen“ das Neue Rathaus

Während der „Tag des offenen Denkmals“ heuer fast komplett „digital“ stattfand, bot sich aufgrund des Jahresthemas für Wendelstein bei zwei Führungen im Freien eine Ausnahme an. Am heutigen „Neuen Rathaus“ als Beispiel wurde deutlich, welche verschiedenen Nutzungen ein historisches Gebäude erfahren und trotzdem seinen Denkmalcharakter bewahren kann.


Neben der Hausgeschichte selbst gab es an beiden Führungen zu Beginn des Rundgangs auch Hintergrundinformationen, warum der Nürnberger Privatier Christian Höhn um 1880 beschloss in Wendelstein auf dem Plateau oberhalb der Schwabacher Straße ein „Kur-Hotel“ zu bauen.


Altes Rathaus, Rathaus und Brunnen, um 1900; Slg. Ruthrof

Marktplatz um 1900


Neues Rathaus 2, Postkarte als Kurhotel Meinetsberger, ab 1898

Postkarte des Kurhotels um 1900


Die Marktgemeinde erlebte damals eine wirtschaftliche Blüte dank der Steinbrüche, dem Ludwigskanal und als Handwerkszentrum. Zugleich lag der Ort „nahe“ genug an Nürnberg, dass an den Wochenenden viele Nürnberger gern Wendelstein bei einer „Wochenend-Sommerfrische“ besuchten um hier die Natur und das „Landleben“ zu genießen.


Zum Hotel mit einer großen Parkanlage gehörte auch ein „Restaurationssaal“, der gern für kulturelle Veranstaltungen wie Konzertabende genutzt wurde. Bewusst in nächster Nähe zum Hotel eröffnete später wohl auch Dr. med. Karl Lehner in einem eigenen Haus als erster Arzt im Ort damals seine Praxis. 1898 kaufte Carl Meinetsberger aus Nürnberg das Kurhotel, da sich der bisherige Besitzer zur Ruhe setzen wollte. Meinetsberger starb auf tragische Weise, als er Eisblöcke für die Hotelkühlschränke im Ludwigskanal schneiden wollte. Seine Witwe führte das Hotel danach allein weiter, verkaufte es jedoch 1912 an die LVA Mittelfranken.
„Invalidenheim für Frauen“ und „TBC-Erholungsheim“


Neues Rathaus 4, als Invalidenheim, Detail aus AK 1920er Jahre

Invalidenheim 1920er Jahre

Neues Rathaus 12, Kindererholungsheim mit Hausmeisterhaus, 1960er Jahre

Invalidenheim mit Hausmeisterhaus 1960er Jahre


Die „Landesversicherungsanstalt“ (LVA) richtete im Kurhotel ein Pflegeheim ein. Ein „Invalidenheim für Frauen“. Der für das Heim zuständige „Hausmeister“ wohnte in seinem eigenen „Bauernhof“, der ebenso dafür unterhalb an der Schwabacher Straße gebaut wurde wie ein Werkstatt- und Lagergebäude beim Hauptgebäude. Das Hausmeisteranwesen wurde in den 1970er Jahren abgerissen, der Werkstattbau blieb jedoch erhalten. An den Stationen der Führung ergänzten zudem Anni Kniesburges und Bernd Kalb von der Kunigunde-Creutzer-Theatergruppe des Heimatvereins die historischen Informationen um humorvolle Texte und Gedanken zu den Nutzungsphasen.


1952 stand der nächste Nutzungswechsel an und aus dem Pflegeheim wurde ein „Erholungsheim für TBC-Erkrankte“. Nach 1945 war die „Lungen-Tuberkulose“ (Tbc) eine gefürchtete Krankheit der Nachkriegszeit aufgrund der schlechten Ernährungsversorgung und der unzureichenden medizinischen Grundversorgung der Bevölkerung. Seitdem hieß das Haus bei den Wendelsteinern „Hustenburg“. Bauliche Zeugen aus dieser Nutzungsphase sind im Rathauspark zwei früher offene „Liegehallen“ mit Pultdach - heute Lagerraum der Gemeinde - in denen ursprünglich die lungenkranken Patienten täglich Übungen zur Lungenstärkung machen mussten.


Neues Rathaus 5, als Invalidenheim 1930er Jahre

Invalidenheim in den 1930er Jahren



Neues Rathaus 6, Invalidenheim mit Hausmeisterhaus; Orig. Fam. Kleiss

Invalidenheim mit Hausmeisterhaus


Ab 1960 „Kindererholungsheim“ und seit 1975 das zweite Rathaus im Ort
Aufgrund der medizinischen Erfolge gegen die TBC wurde die „Hustenburg“ 1960 aufgegeben und erneut umgebaut. Jetzt diente das Anwesen als „Kindererholungsheim“ der LVA. Für die Kinder - die meist 3-4 Wochen hier blieben - war viel geboten mit einem Planschbecken im Park, einer Kegelbahn und Kreativangeboten wie Spiel- und Bastelzimmer. Die nachlassende Vollbelegung - bis zu 40 Kinder konnten hier betreut werden - führte ab 1971 dazu, dass die LVA sich entschied, ihre Wendelsteiner Immobilie zu verkaufen.


Neues Rathaus 10, als Kindererholungsheim ab 1962

Postkarte aus dem Kindererholungsheim

Neues Rathaus 8, Patientenzimmer, LVA-Genesungsh. Wdst., 1950er Jahre

Zimmer im Kindererholungsheim


Hans Seufert erkannte als damaliger Bürgermeister die Vorteile und kaufte das Anwesen für die Marktgemeinde. Mit Blick auf die damals beginnende Gemeinde- und Landkreisgebietsreform erwies sich der Kauf als vorausschauend.

1975 wurde das Anwesen als zweites örtliches bzw. „Neues Rathaus“ nach umfassender Renovierung wieder eröffnet und bot für viele Jahre genug Platz für die Gemeindereferate. Der letzte prägende Umbau war 1999/2000. Dabei wurde der alte Gemeinderatssaal - ursprünglich der Speise- und Festsaal des Kurhotels - abgerissen und neben dem Gebäude ein ebenfalls dreigeschossiger Neubau mit Treppenhaus als Verbindungsbau errichtet samt neuem Saal für die Gemeinderatssitzungen.

Bericht & Fotos: Dr. Jörg Ruthrof


Neues Rathaus 9, ehem. Liegehalle des Genesungsheims

ehemalige Liegehalle

200913 TdoD - Neues Rathaus (7) Presse

Führung am Tag des Offenen Denkmals mit Anni Kniesburges, Bernd Kalb und Dr. Jörg Ruthrof (von links)

Letzte Änderung: 15.09.2020 15:46 Uhr